„Andre Zeiten, andre Drachen“ von Wolfgang Schwerdt
Drachen, feuerspeiende Ungeheuer mit scharfen Krallen und riesigen Flügeln, begegnen uns vor allem in Mythen, Märchen und Legenden. In seinem Buch „Andre Zeiten, andre Drachen“ widmet sich der Historiker, Journalist, Drachenforscher und Autor des Fantasy-Romans „Die Drachenwächterin“ Wolfgang Schwerdt diesen faszinierenden Wesen nun aus der kulturhistorischen Perspektive.
Nicht nur in der Welt des Harry Potter, als Figuren in Fantasy-Rollenspielen, als Helden in Blockbustern und Bestsellern wie „Eragon“ oder romantisiert in „Dragenheart“ spielen sie eine zentrale Rolle. Seit Tausenden von Jahren begleiten die unterschiedlichsten Drachenfiguren Kulturen auf der ganzen Welt.
Urchaos, Medusa, Tabaluga: Drachenfiguren im Wandel der Zeit
Unter der Fragestellung:“Was zum Teufel ist ein Drache“ betrachtet der Autor Wolfgang Schwerdt diese in seinem Buch „Andre Zeiten, andre Drachen“ als ein gesellschaftliches Phänomen, nicht als eine biologische Spezies. Er sieht in ihnen ein Modell des Menschen zur Darstellung ihrer komplexen Vorstellung vom Universum und seinen Kräften, der Gesellschaft und ihrer Beziehung zu ihrer Umwelt. Mal erscheinen sie als Götter, als ursprüngliches Chaos, wandeln sich von einer Teufelsgestalt zum Ordnungsbringer und stehen dabei doch immer in direkter Beziehung zur jeweiligen Gesellschaft in ihrer Zeit.
Was ist ein Drache: Der Drache als kulturhistorisches Phänomen
Auf 140 Seiten umreißt der im Vergangenheitsverlag in der Reihe „Kleine Kulturgeschichten“ erschienene Band die rund 5.000 Jahre alte Geschichte der Drachen, angefangen bei ihrer ersten nachweislichen Erwähnung 3.000 Jahre vor Christus im sumerisch-babylonischen Schöpfungsmythos „Enûma elîsch“ bis hin zu ihrer Interpretation als grüner Umweltdrache Tabaluga von Peter Maffay. Der wohl profilierteste deutsche Dracologe verfolgt zeitlich linear die Kulturgeschichte des Drachen und seine Veränderung im Laufe der Zeit. Wir erleben die chinesischen Drachen als Schöpfer der kosmischen und staatlichen Ordnung, werden vielschichtig ins antike Griechenland geführt und begegnen hier mythologischen Figuren wie Medusa und Thyphon als göttliche Drachenpersönlichkeit interpretiert. Aber auch die nach der Meinung des Autors für unseren westlichen Kulturkreis prägendste Drachenfigur, der biblische Drache aus der Johannesoffenbarung wird differenziert betrachtet. Und natürlich kann auch ihre Rolle in der modernen Esoterik nicht außen vor gelassen werden.
„Andre Zeiten, andre Drachen“: Kurzweiliger Lesestoff für Anspruchsvolle
Der auch aus seinen Artikeln bekannte feinsinnige Humor des Autors lässt die Lektüre zu einem wirklich kurzweiligem Vergnügen werden, nur teilweise belastet durch eine zu große Fülle an Informationen in kurzer Zeit, bedingt durch die unglaubliche Leistung und den Willen des Autors zur Vollständigkeit, die jedoch auch auf eine detailliertere Ausarbeitung von Teilgebieten in Nachfolgebänden hoffen lässt.
Für Kulturinteressierte und Kulturwissenschaftler fast ein „Muss“, für alle anderen, mit Ausnahme vielleicht der kleinsten unter den Drachenforschern, eine unbedingte Empfehlung.
Wolfgang Schwerdt: Andre Zeiten, andre Drachen. Vergangenheitsverlag, 2010. Klappbroschur, 140 Seiten.









Schreiben Sie Ihre Meinung!