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„Oh, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen . . .“, ein Buch über Moorarchäologie

19. Juni 2011 [ Kein Kommentar ]

„Übers Moor“ ist nicht irgendein Buch über das Moor. Der Leser erhält mit dieser Begleitschrift zur Ausstellung des Oldenburger Landesmuseums Natur und Mensch ein außergewöhnliches Werk über 220 Jahre Moorarchäologie.

Moor1Mit seiner letzten Ausstellung setzt der scheidende leitende Direktor des Oldenburger Landesmuseums Natur und Mensch,  dem Museum noch einmal ein eindrucksvolles Highlight in die Ausstellungsräume. Die Ausstellung, die ausschließlich mit Exponaten aus den eigenen Archiven bestückt ist, präsentiert nämlich ab Juni 2011 „220 Jahre Moorarchäologie in Nordwestdeutschland“. Und wer glaubt, mit Moorarchäologie lassen sich an Spannendem nur die spektakulären Moorleichen oder wertvollen Opfergaben in Verbindung bringen, der sieht sich bei der Lektüre des Begleitbuches „Oh, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen . . .“ eines Besseren belehrt.

Moorleichen und Moorwege

Im Gegensatz zur Ausstellung sind die Moorleichen im eigentlichen Begleitband gar nicht berücksichtigt. Denen ist nämlich ein gesondertes Buch „Faszination  Moorleichen“ gewidmet. Und natürlich gehören die beiden Bücher, die dem Leser unter anderem erstmals die Ergebnisse der „Moorwegeforschung“ allgemein verständlich nahebringen  und die neuesten, teilweise überraschenden Erkenntnisse zu den „Moorleichen des Hauses“ vermitteln, letztendlich zusammen. Die Aufteilung in zwei Publikationen macht aber dennoch Sinn. Nicht nur wegen der unterschiedlichen Disziplinen, die teilweise bei der Erforschung und Interpretation der Funde angewendet werden. So befasst sich „übers Moor“ im Wesentlichen mit den Artefakten und ihrer kulturgeschichtlichen Interpretation, „Faszination Moorleichen“ mit den Menschen, den Individuen und ihrem sozialen Zusammenhang.

Wege übers Moor

Dass in einem Buch über Moorarchäologie auch über die Entstehung und Entwicklung von Mooren, einschließlich des spezifischen Charakters des natürlichen Lebensraumes geschrieben wird, versteht sich beinahe von selbst. Bei dieser Darstellung wird bereits deutlich: aus der Sicht des Menschen ist der Begriff Lebensraum für die sumpfigen Gebiete, die noch zum Ende des 18 Jahrhunderts rund 30% der Fläche Nordwestdeutschlands bedeckten, eine sehr optimistische Formulierung. Abgesehen von der extremen Nährstoffarmut und den sauren Milieu ist eine noch nicht entwässerte Hochmoordecke noch nicht einmal tragfähig. Und so bekommt der Titel des Buches: „O, schaurig ist’s übers Moor zu gehen . . .“ eine ganz besondere Bedeutung. Durchs Moor zu gehen, verbietet sich vor diesem Hintergrund nämlich von selbst. Wer vor Entwässerung, Kultivierung und Torfabbau das Moor überwinden wollte, musste im wahrsten Sinne des Wortes über das Moor gehen. Und so gehörten zu den auf den ersten Blick unerwartet spannenden archäologischen Aspekten des Moores die Wege übers Moor.

Komplexes Moorwegenetz seit der Steinzeit

Bereits seit der Jungsteinzeit überquerten die Menschen die Moore, mussten sie überqueren. Denn etwa 6000 Jahre vor unserer Zeitrechnung breiteten sich die Moore in Nordwestniedersachen flächenmäßig aus und den Bewohnern verblieben nur noch von vermoortem Gelände umgebene sandige, trockene Siedlungskammern. Hätten sich die Menschen lediglich mit ein paar Reisigbündeln oder Knüppeln zur Befestigung des moorigen Untergrundes beholfen, wäre die Moorwegearchäologie sicherlich keine besonders aufregende Angelegenheit. Als jedoch Anfang des 19. Jahrhunderts die norddeutsche Moorwegearchäologie mit dem Landvermesser C. H. Nieberding begann, da wurden die in der Literatur noch erwähnten meist untergegangenen uralten Verkehrswege, die die Moore durchzogen hatten, Schritt für Schritt wiederentdeckt. Ein komplexes Verkehrswegenetz hatte die Moore zwischen Ems und Weser von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter durchzogen, mit Trampelpfaden, Wegen, Dämmen bis hin zu richtigen Straßen, geeignet für Fußgänger, Lasttiere und Fuhrwerke.

Vom Trampelpfad bis zum „Highway“ durchs Moor

Bautechnisch waren die „Brücken übers Moor“ teilweise sehr komplex und anhand von Vergleichen nahegelegener Wege aus dem 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung kommen die Archäologen sogar zu dem Schluss, dass es sich beim Moorwegebau um ein spezialisiertes Handwerk gehandelt haben dürfte. Dennoch glich wohl kaum einer der Wege dem anderen. Schließlich mussten die jeweiligen Besonderheiten des Untergrundes, das verfügbare Baumaterial und natürlich die spezifischen Anforderungen an den jeweiligen Weg berücksichtigt werden. Vor diesem Hintergrund wird die Bestandsaufnahme sämtlicher Moorwegefunde im Weser-Ems-Gebiet, die dem Einführungskapitel zum Thema Moorwege folgt, nicht langweilig. Lage und Verlauf, Forschungsgeschichte und Bauweise, Datierung und technische Details, Konstruktionszeichnungen soweit vorhanden Literatur und historische und aktuelle Fotos umfasst der „Katalogteil“ zum Thema Moorwege.

Moor, Rad und Wagen

Mit den Wegen und dem Verkehr über das Moor eng verbunden sind natürlich die Transportmittel wie Fuhrwerke oder Boote, deren Relikte die nordwestdeutschen Moore der Nachwelt konserviert haben. Und so ist es den Archäologen vom Landesmuseum gelungen, anhand der Funde beispielsweise die Entwicklung des Wagens inklusive der Räder, Achsen, Zugweise und Oberkonstruktion in Form originalgroßer Nachbauten darzustellen. Mit den Wagen aus Jungsteinzeit, Bronzezeit und dem Hohen Mittelalter offenbart sich dem Betrachter wiederum ein faszinierendes Stück Technologiegeschichte. Zwar haben die Oldenburger das Rad nicht neu erfunden, es ist ihnen aber gelungen, beispielsweise die Geschichte des Rades vom gelochten Scheibenrad über das Rad mit fester oder loser Buchse, das Scheibenrad bis hin zum Speichenrad mit Nabe anhand der Funde anschaulich darzustellen. Auch hier Fotos und Konstruktionszeichnungen, die hinsichtlich ihrer Aussagekraft kaum Wünsche offenlassen.

Ein Boot für alle Fälle, der Einbaum

Und am Ende schließlich die Boote, genauer gesagt die Einbäume und ihre Fragmente, die das Moor den Archäologen bislang preisgegeben hat. Weit entfernt davon, ein primitives Gefährt zu sein, verraten die Artefakte zusammen natürlich mit den Autoren des Buches die Entwicklung und Bauweise des Wasserfahrzeugs, das seit der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert gebaut wurde. Der Leser erfährt nicht nur über die Schwierigkeiten der Wissenschaftler mit der Datierung und kulturellen Zuordnung der weltweit verbreiteten Universalfahrzeuge, er wird ebenfalls über den komplexen Herstellungsprozess und begleitende Rituale informiert. Und nach dem gleichen Muster wie bei den Moorwegen, ist auch der Katalogteil zum Kapitel Einbäume, in denen  überwiegend die Einbaumfunde aus dem Oldenburger Raum aufgeführt sind, aufgebaut. Das Buch „Faszination Moorleichen“ komplettiert letztlich den spannenden und fundierten Überblick über ein breites Spektrum der Moorarchäologie, dem es durchaus gelingen dürfte, auch Laien für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Thema zu begeistern.

Mamoun Fansa, Frank Both (Hrsg.): „O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen“. 220 Jahre Moorarchäologie. Philipp von Zabern 2011. Gebunden, 260 Seiten.

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