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„Faszination Moorleichen“ ein Buch zu 220 Jahre Moorarchäologie

20. Juni 2011 [ Kein Kommentar ]

Bei einer Ausstellung zum Thema „220 Jahre Moorarchäologie“ dürfen Moorleichen natürlich nicht fehlen. Und so gehört zur Literatur anlässlich der Ausstellung „O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn“, natürlich auch ein Buch über die gegerbten Mumien.

Moor22011 feiert das Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg sein 175-jähriges Jubiläum. Anlass genug für den scheidenden leitenden Direktor des Hauses, Mamoun Fansa, mit der Neukonzeption der Dauerausstellung auch die Moorleichen des Hauses noch einmal zu untersuchen und unter dem Oberthema 220 Jahre Moorarchäologie neu zu präsentieren. Neben dem ausgezeichneten Ausstellungsband „O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn“, der sich vor allem mit Moorwegen, Wagen und Einbäumen, also dem “übermoorigen“ Verkehr befasst, ist zur Ausstellung gleichzeitig das Buch „Faszination Moorleichen“ erschienen.

Moorleichen, Quelle von Grusel und Aberglauben

Natürlich verursacht eine Moorleiche zunächst einen gewissen Gruseleffekt. Daran hat nicht nur das Aussehen, sondern auch die Vorstellung von im Moor versenkten Schwerverbrechern, Opfern heidnischer Ritualmorde oder Mordopfern ihren Anteil. Fesselungen, so die landläufige Meinung, lassen auf Wiedergängerglauben schließen und in Zusammenhang mit den Geschichten vom finsteren Moor lassen die menschlichen Relikte aus Lederhaut und Knochen der Phantasie des Betrachters freies Spiel. Für den Wissenschaftler sind die teils gut, teils nur in Fragmenten erhaltenen Überreste vor allem Botschafter aus der Vergangenheit. Je nach Forschungsstand, Untersuchungsmethoden und kulturellen oder ideologischen Vorurteilen liefern die teils Jahrtausende alten Mumien erstaunliche Informationen über sich und ihre Zeit. Es ist die Forschungsgeschichte der rund 220-jährigen  Moorarchäologie, die hinsichtlich der Mumien mit dem ersten bekannt gewordenen Moorleichenfund der Oldenburger Region im dem Jahre 1784 begann, deren Darstellung das Buch so wertvoll macht.

Der Junge aus der Esterweger Dose

Die Irrungen und Wirrungen der Archäologie, die Fehler und Pannen bei der Fundbergung, die mangelhafte Funddokumentation der frühen Moorarchäologie, aber auch die erstaunlichen Erkenntnisse, die die modernen Untersuchungsmethoden gelegentlich selbst aus scheinbar völlig „verdorbenen“ menschlichen Überbleibseln herauslesen können, werden an den Beispielen der Moorleichen im Landesmuseum dargestellt.

Mehrfach wurde beispielsweise „Der Junge aus der Esterweger Dose“ grundlegend untersucht. Der „Fall“ begann, als am 27. Februar 1939 von einem Torfarbeiter die Knochen einer Moorleiche entdeckt und am 01. März in Papier gewickelt dem damaligen Direktor des Oldenburger Landesmuseums präsentiert wurde. Die Fundstelle selbst war bereits völlig abgebaut, sie konnte aber mit den noch vorhandenen Torfsoden „so ungefähr“ wiederhergestellt werden. Die Wissenschaftler entnahmen diverse Proben von und in der Nähe der Fundstelle, unter anderem zur Pollenanalyse und kamen zu dem Schluss, dass es sich bei der Leiche um eine etwa 1,50 Meter große, vermutlich weibliche Person von etwa 20 Jahren handelte. Zwischen 1000 und 1200 nach unserer Zeitrechnung soll die junge Frau ins Moor gekommen sein.

Gehbehinderter Rechtshänder mit Knochenmarkentzündung

In den 90er Jahren des 20 Jahrhunderts erfolgte dann im Rahmen eines  umfassenden Programms auch die 14C-Datierung der Knochen, durch die die erste zeitliche Einordnung durch die Kalibrierung auf 1040 – 1210 bestätigt und präzisiert werden konnte. Im Rahmen einer geplanten Ausstellung der Mannheimer Reiss-Engelhon-Museen, landeten die Relikte der jungen Frau wieder in der Pathologie, diesmal im Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Nun kamen die modernen Verfahren wie Computer- und der Kernspinresonanztomografie zum Tragen, die erlauben, zerstörungsfrei Dichte, Mikroarchitektur und anatomische Besonderheiten an den Knochen zu ermitteln. Im Lichte der Bildgebenden Hightechdiagnostik entpuppte sich die junge Frau als ein vermutlich männliches Kind, ein Rechtshänder von etwa 12 bis 14 Jahren, mit einer Gehbehinderung und einer chronischen Knochenmarkentzündung im rechten Schienbein. Möglicherweise, so die Wissenschaftler, ist der Junge sogar daran verstorben.

Gesellschaft der außergewöhnlichen Personen

Jede der vorgestellten Moorleichen erzählt eine andere Geschichte, gelegentlich aber können auch Hightech-Methoden den spärlichen Überresten kaum noch etwas über sich entlocken. Trotzdem, der Leser begegnet Mord- oder Unfallopfern, gezielt im Moor bestatteten Menschen oder einfach ungeklärten Funden. Und obwohl die modernen Untersuchungsmethoden und natürlich die im Laufe der 220 Jahre Moorarchäologie ohnehin gewachsenen Erkenntnisse im Einzelfall eine erstaunliche Menge an belastbaren Sachinformationen zusammenkommen lassen, immer wenn es um soziale, kulturelle oder rituelle Interpretationen der gewonnenen Informationen geht, ist der Schritt in die Spekulation nicht weit.

Archäologie im Spannungsfeld zwischen Wissen und Spekulation

So drückt die diesbezügliche Zusammenfassung der zahlreichen Untersuchungen des Fundes von Kayhausen – einem Mordopfer aus der vorrömischen Eisenzeit – die angemessene Vorsicht aus, derer sich die Wissenschaftler heute zu recht befleißigen sollten: „Das Motiv für die Tötung eines 6-7 Jahre alt gewordenen gesunden Jungen mit Stichen zum Hals, der Fesselung der Hände auf dem Rücken und der „Beisetzung“ im Moor ist ohne Spekulation auch heute nicht zu klären. Um nicht eine der gern benutzten Theorien – Opfer oder Kult – aus Unwissenheit heraus als Alternative zu verwenden, wird auf eine Interpretation bewusst verzichtet.“

Faszination Moorleichen, schlichtweg empfehlenswert

„Faszination Moorleichen“ ist gerade vor dem Hintergrund dieser Einstellung ein unbedingt zu empfehlendes Buch zum Thema. Denn die Autoren verzichten nicht nur – ebenso wie im Begleitbuch zur Ausstellung „O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn“ – auf spektakuläre, auch in der Wissenschaft oft populäre oder eingängige Bewertungen. Sie beschränken sich zudem – wie die Ausstellung selbst – auf die Bestände des Landesmuseums. Damit wird für den Leser nicht nur das Thema Moorleichen, sondern auch der Zusammenhang der Exponate zu der Geschichte der einzigartigen Landschaft und ihrer Lebensbedingungen zwischen Stein- und Neuzeit sichtbar.

Mamoun Fansa, Frank Both (Hrsg.): „Faszination Moorleichen“. Philipp von Zabern 2011. Gebunden, 119 Seiten.

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