Minisail Classic – historische Schiffsmodelle unter Vollzeug
Der Bau wirklich vorbildgetreuer, schwimmfähiger und steuerbarer Modelle historischer Segelschiffe, ist ein faszinierender Zweig des Modellbaus, der in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts entstand.
Frei fahrende Segelschiffsmodelle, die über ausgeklügelte Windfahnensteuerungen oder andere mechanische Konstruktionen auf Kurs gehalten werden können, entstanden bereits um 1900. Der Bau originalgetreuer Modelle, die vom Modellbauer per Fernsteuerung aktiv gesegelt werden können, ist jedoch erst seit wenigen Jahrzehnten zum schnell wachsenden Teil der organisierten Modellbaukunst geworden.
Begonnen hatte es – wie im Kapitel „Die Basis“ der Sonderausgabe des Magazins SchiffsModell nachzulesen ist - mit der Initiative des Niederländers Joop Clobus, der im Rahmen des traditionellen Großseglertreffens „Sail Amsterdam“ unter dem Namen Minisail eine internationale Modellbaubewegung ins Leben gerufen hatte. Mit der Gründung der „Minisail-Classic“ im Jahre 2001 hatte sich aus der Minisail-Bewegung schließlich auch die Sparte herausgebildet, die sich folgende Ziele gegeben hat:
- Segelschiffe als Modell sollen weitestgehend originalgetreu nachgebaut werden
- die Modelle sollen mit Fernsteuerung gesegelt werden
- alle Aktivitäten sollen gefördert werden, die darauf angelegt sind, Modell- und Originalsegelschiffe zu erforschen, zu rekonstruieren und zu dokumentieren.
Arbeitsschiffe und ihre Besonderheiten
Für den Historiker - vorausgesetzt, er ist kein Modellbauer – vielleicht nicht ganz so interessant sind natürlich die Techniken des Rumpfbaus. Schließlich geht es hier nicht um die originalgetreue Wiedergabe der historischen Bau- und Konstruktionstechniken, sondern um einen möglichst wasserdichten Rumpf mit vorbildgetreuer Optik, der sich so teilen lässt, das der Modellbauer zur Wartung an die komplizierte Mechanik und Elektronik, die den realistischen Fahrbetrieb erlaubt, herankommt. Bereits bei der Deckskonstruktion und Beplankung wird es für den Schifffahrtsgeschichtler schon interessanter. Denn hier geht es um historisch korrekte Verlegemuster, Maße, Material und Farbe. Und spätestens bei den Aufbauten kommt dann auch der nicht Modellbauer voll auf seine Kosten. So finden sich - alles unter dem Aspekt originalgetreuer Umsetzung im Modellbau – zahlreiche mit Fotos von Originalschiffen und Modellen illustrierte Detailinformationen zur Geschichte von Anker, Pumpen, Steuerrädern oder Positionslichtern. Und da ein Schwerpunkt gerade bei den Aufbauten auf Arbeitsschiffen liegt, erfährt hier auch der Shiplover einiges neue. Beispielsweise über die spartanische Kombüse auf kleineren Frachtenseglern, die im Hafen während des Be- und Entladens einfach an Land gesetzt und dort vom Smutje weiterbenutzt werden konnten.
Die ganze Welt von Rigg und Segel
Rigg und Segel sind naturgemäß sowohl Gegenstand historischer als auch technischer Betrachtungen. Denn hier spielt sich die ganze Steuerungstechnik ab. Das Geht vom Reffen der Segel bis zum Brassen, das in der technisch-mechanischen Umsetzung ganz besondere Anforderungen an Geschick, Überlegung und Einfallsreichtum des Modellbauers stellt. Hier wird dem Leser klar, warum es verhältnismäßig wenig große seetüchtige Rahseglermodelle gibt beziehungsweise weshalb überwiegend verhältnismäßig kleine, einfacher besegelte Arbeits- oder Sportschiffe gewählt werden.
Auf gut 50 Seiten stellen die Autoren schließlich die Verschiedenen Schiffsklassen in Form von ausgewählten Modellen vor. Dabei geht es von einmastigen längsgetakelten und mehrmastigen längsgetakelten Segelschiffen über Plattbodenschiffe, lateiner- und luggergetakelte Schiffe bis zu den Rahseglern. Alle Schiffe mit kurzen Erläuterungen zu technischen Besonderheiten des Modells und Geschichte des jeweiligen Vorbildes.
Die Flottenparade der Minisail Classic
Wer bei den einmastigen längsgetakelten Segelschiffen nur an Freizeit- oder Rennjollen denkt, für den sei hier nur beispielhaft der Rennkutter Mayflower, der Amerca’s Cupper von 1886 mit seiner imposanten Segelfläche genannt. Auch dieses Schiff braucht als knapp 2,48 Meter langes Modell übrigens einen Zusatzkiel von immerhin 10 Kilogramm Gewicht, bei einem Gesamtgewicht des Schiffes von lediglich 18,8 Kilo. Bei einer Segelfläche von immerhin knapp 2,5 m² sicherlich nachvollziehbar. Dass das Original ohne gewaltigen Zusatzkiel auskam, liegt an physikalischen Gesetzmäßigkeiten, die – wie sehr anschaulich im Heft beschrieben – dazu führen, dass das Wasserverdrängungs-Segelflächeverhältnis ein ganz zentrales Kriterium bei der Wahl des Modellmaßstabs darstellt, allein schon, um ein möglichst realistisch wirkendens Segelverhalten des Modells zu erreichen.
Auch bei den mehrmastigen längsgetakelten Schiffen gibt es natürlich die absoluten Hingucker, zu denen neben der „Bluenose II“ von 1963 auch der amerikanische Racer Sappho von 1867 gehört.
Bei der Kategorie Flachbodenschiff fallen einem sofort die holländischen Tjalken ein. Flachbodenschiffe aber findet man nahezu überall, „Minisail-Classic“ stellt in dieser Kategorie Modelle vor, deren Vorbilder neben den holländischen Gewässern auch die Themsemündung, die norddeutschen Küsten oder die Ostsee befuhren 8und als Traditionsschiffe teilweise heute noch befahren).
Minisail Classic, vielseitig und informativ
Luggergetakelte Schiffe bilden mit ihren oft bunten Segeln und Rümpfen attraktive, gelegentlich romantische Farbtupfer in den Modellschiffgewässern, während die segeltechnisch ebenfalls gar nicht einfach zu bewältigenden Lateiner beispielsweise mit der Pinke SAN MATTEO einen Blick in das Mittelmeer des 17. Jahrhunderts eröffnen, als jene Schiffe, die auch Rahgetakelt sein konnten, als genuesische Lastensegler oder als Kriegsschiff der Malteser eingesetzt wurde.
Ein Highlight der Schiffsbaukunst, sowohl im Original als auch als Modell stellt das holländische Kriegsschiff aus dem 17. Jahrhundert „De Zeven Provincien“ dar. Unter dem Abschnitt Rahsegler tummeln sich aber auch ein Wikingerschiff, Briggs- und Brigantinen und selbstverständlich amerikanische Klipperschiffe und nicht zuletzt der Flying-P-Liner Pamir.
Schiffsmodell Extra. Minisail Classic ist unabhängig von der Frage, ob sich der Leser jemals selbst mit dem Bau solcher Modelle beschäftigen möchte, eine hochinteressante Lektüre für alle, die ein gewisses Faible für Schiffe haben. Historische Informationen, allgemeine Modellbautechniken und Kniffe, konkrete Beispiele für Steuerungsmechanik- und Elektronik und die „Historische Schiffsparade“ machen das Sonderheft des Magazins SchiffsModell zu einer runden Sache.
Ruth Holzthauer, Beate Holtzhauer (Hrsg.): SchiffsModell Extra. Minisail Classic. Neckar Verlag 2011. 138 Seiten.









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